Buch so perfekt wie das Rad

Volles Haus beim mehrwertzone-Podium

Am letzten Tag des Poetenfests lud die mehrwertzone zu einer eigenen Veranstaltung ein: „Buchmarkt im Wandel – Rückzug oder Aufbruch?“. Auf dem prominent besetzten Podium diskutierten der Buchwissenschaftler Günther Fetzer, der Journalist und Autor Dirk Kruse, die Buchhändlerin Maria Rupprecht, der Verleger Norbert Treuheit und die deutsche Poetry-Slam-Queen und Direktorin der Villa Concordia Bamberg Nora Gomringer wie sich die Krise des Buchmarktes auf die einzelnen Akteure auswirkt und wo hier regional die Chancen bestehen.

Schon in seinem Eingangsstatement thematisierte Moderator Rolf-Bernhard Essig den Strukturwandel bei Buchhandlungen und Verlegern. Er zitierte Kathrin Passig, die ihm in einer Buchhandlung einmal sagte, er solle ein Foto machen, denn in 10 Jahren gäbe es sowas nicht mehr. Hr, Fetzer wies darauf hin, dass der Anteil des e-Books am Handel bisher nur 0,5% in Deutschland ausmache und Fr. Rupprecht ergänzte, es würden mehr Bücher geklaut als e-Books verkauft. Dirk Kruse, der sich vorgenommen hatte, nicht zu lamentieren, stärkte das Buch, welches als Hardware mindestens so perfekt wäre wie das Rad und uns daher noch lange erhalten bliebe. Kritischer wurde aber gesehen, welche Folgen der Einstieg von Amazon, wie kürzlich bekannt wurde, in das Verlagsgeschäft haben würde. Norbert Treuheit sah die Gefahr darin, dass keine Autoren mehr gepflegt und nur die Auflagenstärksten dann genommen würden. Man solle aber Entwicklungen wie das e-Book nicht verteufeln, sondern als Ergänzung am Markt wahrnehmen. Daher werde ars vivendi ab Herbst auch die ersten e-Books anbieten. Fr. Rupprecht erwähnte, dass jetzt bereits 50% aller Bücher nicht mehr im regulären Buchhandel gekauft würden, sondern im Netz, Baumärkten und sogar Apotheken. Dagegen setze sie mit ihren Buchhandlungen die Qualität entgegen. „Buchhandlungen haben einen Bildungsauftrag,“ führte sie aus, durch gute Beratung und regelmäßige Lesungen. „Man geht zu Rupprecht, nicht weil man den Autor schon kennt, sondern weiß, dass die Lesungen hier immer sehr gut sind.“ Außerdem pflege man den Kontakt zu Schulen und Kindergärten, um dort regelmäßiges Vorlesen zu veranstalten. Sie spüre bei Kindern die Gier nach dem Einfachen, dass es mal nicht blinke, so Fr. Rupprecht weiter. Diesen Faden nahm Nora Gomringer auf, die sich ebenfalls sicher ist, dass sich neues Lesepublikum nur duch Vorlesen finden läßt, und wenn heutige Studenten vielleicht weniger lesen sollten als früher, so holten sie dies wohl später nach. Auch Hr. Fetzer widersprach der These, dass die Facebook-Generation weniger lesen würde, auch wenn vielleicht heutige Jugendliche nicht mehr mit dem romantische Bild des Buches sozialisert würden.

Auf die Frage Hrn. Essigs, ob wir in der Region von den Entwicklungen nichts mitbekämen und in „splendid isolation“ lebten, bekräftigte Gomringer die Bedeutung des Regionalen. Es wäre dank des Internets in der Zwischenzeit egal, wo ein Autor lebte, aber „man wird in Bamberg einfach leichter wahrgenommen als in Berlin, wo man einer unter vielen bleibt.“  In der Metropolregion existieren etwa 80 Verlage und ungefähr 3.000 Arbeitnehmer, die dem Buchmarkt zuzuordnen sind. Wenn auch für Verlage nicht mehr wichtig ist, wo sie residieren, ist der regionale Bezug für Buchhändler enorm wichtig. „Über das Buchangebot“, so Fr. Rupprecht, „entscheidet jeder Filialist vor Ort, denn was in Erlangen gut läuft, interessiert in Weiden niemanden.“ Auch Verlage richteten sich nach regionalen Vorlieben, meinte Hr. Treuheit, bedauerte aber die geringe Vernetzung der Akteure vor Ort. „Gerade Initiativen wie die mehrwertzone haben das Potenzial, die Branche besser zu vernetzen und Öffentlichkeit zu schaffen. Bei unserer Stellenausschreibung hat das schon gut funktioniert.“ Was kann man also lokal tun? Einige waren sich alle in der herausragenden Bedeutung des Poetenfests, als Kommunikationsort für Autoren und Leser und Heimat des Buches. Aber es gab auch eine Reihe von Vorschlägen zur Verbesserung der Situation. Die existierenden Schreibwerkstätten müßten sich professionalisieren, regte Hr. Fetzer an, und es fehle an Initiativen zur Leseförderung. Dirk Kruse vermißte eine Bündelung der verschiedenen, durchaus vielfältigen, kommunal geförderten Angebote unter einer Marke. Vieles gehe unter und werde jenseits des Poetenfests viel weniger wahrgenommen. „Mit dem Literaturhaus in Nürnberg vergibt man eine Chance an ähnliche Institutionen wie in Stuttgart oder auch der Villa Concordia in Bamberg anzuknüpfen. Es fehlt an Autorenförderung, Schreibwerkstätten und Diskussionen über das Buch.“ Diesem konnten die Diskutanten nur zustimmen, auch wäre es wenig hilfreich, dass die Buchkritik aus dem Feuilleton zunehmend verschwände, bis zum völligen Verschwinden des eigenen Feuilletons, wie es die AZ in Nürnberg kürzlich vormachte. Mit diesen Anregungen und dem Gefühl, dass es dem Buch in Deutschland noch vergleichsweise rosig gehe, schloß die Diskussion.

Die mehrwertzone bedankt sich bei allen Podiumsteilnehmern und verspricht, dem Thema weiter auf der Spur zu bleiben.

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29.08.2011