Frank Neuhaus - Zu viel Zeit im Netz

Ein Interview von Daniel Kiendl und Volker Tolle

Was passiert, wenn man die rote Pille schluckt – das erzählt uns Frank Neuhaus bei einem Gespräch in seinem Home-Office. Er ist Inhaber der Ad!Think Werbeagentur und Experte für Online- und Social Media-Marketing.

Herr Neuhaus, laut Ihrem XING-Profil begeistern Sie sich für »audiophiles Musikhören, genussvolles Essen und handgeschöpfte Pralinen«; Sagen diese Leidenschaften auch etwas darüber aus, wie Sie mit Aufträgen umgehen?

Ich hätte den Zusammenhang zwar so nicht gesucht, aber es gibt schon eine Parallele. Wir – und damit meine ich mein Netzwerk – haben einen sehr hohen Qualitätsanspruch an unsere Arbeit. Wir können einfach nicht unter einem bestimmten Niveau arbeiten. Es ist wie bei der roten Pille in dem Film »Matrix«. Wenn man erstmal etwas besseres kennen gelernt hat, dann kann man nicht mehr zurück.

Sie haben nach Ihrer Ausbildung zum Werbekaufmann erst einmal ein Jahr als Tauchlehrer in der Türkei und der Karibik verbracht. War das bereits Ihre erste Flucht vor der Branche?

Nein, ich dachte mir damals nur »Wenn nicht jetzt, wann dann?«. Ich habe dort gelernt, dass es auch anders geht als hier und das man sich das für einen passende aus den unterschiedlichen Kulturen raussuchen sollte. Hier ist alles sehr zuverlässig, ordentlich, strukturiert und perfektionistisch. Diese Eigenschaften vertrete ich dort wo es sinnvoll ist zwar auch, aber es ist genauso wichtig, improvisieren zu können, wenn es darauf ankommt. Auf der kleinen karibischen Insel bin ich beispielsweise auf den Schrottplatz gegangen, wenn ich mal etwas reparieren musste und Ersatzteile brauchte, denn einen Baumarkt zu dem man hier gehen würde, gab es dort nicht.

Danach hat es Sie dann nach Nürnberg verschlagen. Welche Rolle spielt eigentlich der Wohnort noch im Zeitalter des Internets?

Hier in Nürnberg ist die Web-Szene sehr aktiv und zudem auch der persönliche, reale Austausch über das virtuelle hinaus sehr stark. Das finde ich sehr reizvoll. Aber an einen bestimmten Ort gebunden bin ich schon lange nicht mehr. Daher habe ich auch 2001 schon gemeinsam mit einem Partner eine webbasierte Projekt- und Wissensmanagement-Software entwickelt, mit der alle an einem Projekt beteiligten Partner Zeit- und Ortsunabhängig zusammen arbeiten können.

Sie sind ja bei sehr vielen Veranstaltungen der Kreativszene anzutreffen. Was ist denn das Besondere der Zentrifuge?

Die Menschen, die überwiegend Künstler und Kreative sind, die ehemaligen Fabrik-Räume der AEG und ich finde es sehr inspirierend, dass die Vorträge mitten in laufenden Ausstellungen stattfinden …

… so wie auch bei Ihrem Future Talk Vortrag zur Zukunft von Social Media. Apropos: Wie sieht diese Zukunft denn aus?

Ich sehe großes Potential in der Verknüpfung des mobilen Internets mit den social Networks und Anwendungen aus dem Bereich Augmented Reality. Beispielsweise, dass man sich in einer Fußgänger-Zone oder bei einer Sehenswürdigkeit weitere Informationen auf seinem Handy anzeigen lassen kann.

Also zum Beispiel persönliche Statusmeldungen über den Köpfen der Passanten. Finden Sie diese Vorstellung denn nicht auch beängstigend?

Grundsätzlich erstmal nicht, denn es hängt ja von jedem persönlich ab, wie viele Informationen man über sich frei gibt und auch heute schon sollte man achtsam mit solchen Informationen umgehen. Vielleicht fördert so etwas ja die Eigenverantwortung.

Ein weiterer Trend ist die Entwicklung zum selbstständigen Arbeiten in beruflichen Netzwerken. Nichts Anderes betreiben Sie nun ja bereits seit über 13 Jahren. Sind Sie ein Vorreiter dieser Bewegung?

Als Vorreiter würde ich mich zwar eher nicht bezeichnen, aber ich habe in meinem letzten Angestellten-Job 1998 festgestellt, dass es im Sinne des Kunden besser ist, wenn ich die Menschen zu einem Team zusammenstelle, die für seine Aufgabe am besten geeignet sind und mich nicht an die Kompetenzen von angestellten Kollegen binden muss. Daher war es eine logische Konsequenz, meine Selbständigkeit auf einem Netzwerk ebenfalls selbständiger Spezialisten aufzubauen, die ich dann aus meinem Home-Office heraus über‘s Internet steuere.

Wie ist es für Sie im Home Office zu arbeiten?

In erster Linie zeitsparend. Ich muss nirgendwo hinfahren, die Spülmaschine läuft parallel und wenn ich mal am Computer nicht weiterkomme, dann bügele ich beispielsweise, wodurch ich den Kopf wieder freibekomme. Es heißt zwar immer, dass man in einem Home-Office stärker darauf achten muss, dass weder der Job noch die Freizeit zu kurz kommen, aber damit hatte ich noch nie Probleme, denn das vermischt sich bei mir eh und lässt sich schwer trennen.

Trennen Sie eigentlich diese beiden Bereiche in den sozialen Netzen?

Dort schon und zwar was die Plattformen betrifft. XING nutze ich nur beruflich, bei Twitter und auf meiner beruflichen Facebook-Seite schreibe ich im Sinne des eigenen Online-Reputations-Managements nur über Online- und Social Media-Marketing, aber meine persönliche Facebook-Seite nutze ich beispielsweise ausschließlich privat und lehne dort auch berufliche Kontakt-Anfragen ab.

Darum konnten wir Sie dort also auch nicht ausspionieren. – Für Ihre Social Media Seminare versprechen Sie eine sofortige Umsetzbarkeit. Gibt es etwas wie einen Königsratschlag?

Ich finde es am wichtigsten, sich in den Nutzer hineinzuversetzen und zu überlegen, was den interessieren könnte, statt überwiegend über die eigenen Produkte oder Dienstleistungen zu erzählen, was den meisten schwer fällt.

Verbringen Sie zu viel Zeit im Netz?

Hin und wieder deutlich ja. (lacht)

Anmerkung: Dieses Interview entstand im Rahmen einer Kooperation zwischen der Georg Simon Ohm Hochschule und der Zentrifuge im Wintersemester 2011/12. Studenten des Fachs "Verbale Kommunikation" portraitierten und interviewten Menschen, die bei diversen Creative Mondays in der Zentrifuge als Presenter zu Gast waren. Dieses Projekt wurde von Prof. Max Ackermann angeregt und begleitet, der damit dem Creative Monday, der Zentrifuge und den mit ihr verbundenen Kreativen ein Gesicht geben wollte. Sie wurde uns im Rahmen der Kooperation von mehrwertzone.net und Zentrifuge zur Verfügung gestellt.

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10.05.2012